Besprechung von Jackendorff/Pinker

Quelle: http://ase.tufts.edu/cogstud/papers/jackpink.htm

in The London Review of Books, 23. Juni 1994, Bd 16, No. 12, S. 10-11.

Daniel C. Dennett

Buchbesprechung von Ray Jackendorff, „Patterns in the Mind: Language and Human Nature“ [„Das Modell im Kopf: Sprache und menschliche Natur“], Harvester-Wheatsheaf, 1993, und Steven Pinker, „The Language Instinct: How the Mind Creates Langage“ [„Der Sprachinstinkt: Wie der Geist die Sprache erschafft“],  William Morrow, 1993.

 

Mit Geräuschen verkabelt

Sprache gab es schon lange, bevor das Schreiben erfunden wurde – ein Fakt, den wir gebildete Untersuchende oft unterschätzen. Heutzutage bauen wir die Informations-Autobahn und für mehrere Jahrtausende war das geschriebene Wort das Hautmedium zum Zwecke kulturellen Austausches. Doch für wenigstens eintausend Millennien vor dieser Zeit war das Hauptmedium für den Informationstransfer zwischen den Generationen – neben dem Genom selbst und Informationen, die direkt in Artefakten verkörpert wurden – eben der ausgetretene Pfad mündlicher Sprache. Sprache war bereits ein hochveredeltes biologisches Produkt, komplett mit ihrer modernen Ausstattung, lange, bevor das Schreiben erfunden wurde.

Wir, ungleich den Analphabeten von heute und gestern, hören die Sprache nicht nur; wir sehen Sprache, sauber in Wörter aufgeteilt, die von Leerzeichen unterbrochen, und fix und fertig in Sprechreihenfolge über den virtuellen Raum ausgebreitet werden. Dieser Blick, den wir auf Sprache  haben, ist ebenso ein Triumph der Künstlichkeit wie der Blick auf den Mond, den wir durch das Teleskop sehen. In den 1950ern nahm Albert Lord die analphabetischen Barden im ehemaligen Jugoslawien auf Band auf, Reliquienmeister der antiken Gedächtniskunst der oralen Tradition. Als er sie zu spezifischen „Wörtern“ und „Versen“ ihrer epischen Gedichte befragte, waren sie verwirrt. Ähnlich wie Jazzmusiker, die „nach Gehör spielen“, ohne den Vorzug klassischer Musikausbildung genossen zu haben, hatten diese Barden einen Sinn für „Lautgruppen“ – doch ihre eigenen Werke konnten von ihnen nicht einfach in Wörter, Verse und Sätze eingeordnet werden. [Endnote 1] Natürlich konnten ihre Lautflüsse in all die klassischen grammatikalischen Kategorien eingeordnet werden, doch diese Analyse ist ein ausgeklügeltes Produkt der „Wissenschaft“. Sie bricht die Sprache in einzelne Elemente auf, die in der Wahrnehmung nicht direkt zugänglich sind, selbst wenn der Fachkundige sich darauf verlässt, solche Signale in der Wahrnehmung zu entdecken, um seine eigenen Praktiken anzuleiten

Die Sprachwissenschaft hat sich über mehrere Jahrtausende langsam entwickelt, wenn wir – was wir tun sollten – die bahnbrechenden (und manchmal seltsam stolpernden) Versuche der Analyse mit einbeziehen, die von solch frühen Meistern des Selbstbewusstseins wie Plato und Aristoteles durchgeführt wurden. Was war ein Wort? Wie konnte eine Bedeutung einem Laut innewohnen? Warum sind manche Wortsequenzen besser als andere, und wieviele Dimensionen des Vergleiches gibt es überhaupt? Manche Äußerungen sind falsch, aber wunderschön, andere sind wahr, aber hässlich oder langweilig, und wieder andere sind weder wahr noch falsch, sondern unsinnig oder unzusammenhängend, oder auch ungrammatisch. Wie kann dies sein? Grammatik, Logik, Rhetorik und Poetik nahmen alle ihren angemessenen Platz als Teile der systematischen Analyse von Sprache ein, doch erst im 20. Jahrhundert  rückten die zahlreichen Sprachphänomene wirklich ins Blickfeld. Und als das erst einmal passiert war, war die Linguistik bereit für ihren Newton, ihren Einstein: Noam Chomsky. Indem er auf die Grundlagen aufbaute, die von früheren Logikern und Linguisten bereitgestellt wurden, zeigte Chomsky, wie die vielgestaltigen Komplexitäten – zusammen mit wenigstens einigen ihrer Dimensionen – der Sprache mit mathematischer Präzision analysiert werden konnten.

Die schlagendste Entdeckung, die Chomsky machte, war, dass wir von dem Blick auf Sprache, den wir durch das Prisma des Schreibens gewinnen, irregeführt werden. Worte sind nicht nur Lautflecken, die in einer Linie aufgereiht und durch kleine Stillepausen getrennt werden. Die Prozesse, die die Sätze, die wir sprechen, generieren, und die Prozesse, die die Sätze, die wir hören, zergliedern und analysieren, haben eine wunderschöne Struktur, die unhörbar ist für das nackte Ohr und unsichtbar für das schlechtgekleidete Auge des gebildeten Sprechers. Es ist eine Baumstruktur, mit einem Stamm und Ästen, keine Perlenkette.

Chomskys schlankes Buch von 1957, „Syntaktische Strukturen“ (Den Haag: Mouton) war für die Anwendung auf natürliche Sprachen wie Englisch ausgelegt, als Resultat einer ambitionierten theoretischen Untersuchung, die er in die logische Sphäre aller möglichen Algorithmen unternommen hatte, um die Sätze aller möglichen Sprachen zu generieren und zu erkennen. In diesem Buch führte Chomsky frühe Versionen seines neuen Grammatikformalismus für die Sprache ein, und so wurde die moderne Sprachwissenschaft geboren. Bald schwirrten Gerüchte und Mythen über dieses arkane neue Feld der Sprachchemie durch die intellektuelle Welt. War es, wie viele hofften, eine vorübergehende Modeerscheinung – Numerologie oder Alchemie für Sprache? Oder war es der Anfang vom Ende für die nichtwissenschaftlichen, „humanistischen“ Studien von der Sprache und den prächtigen Dinge, die wir daraus machen? Eine Weile während der Sechziger und Siebziger musste man Position beziehen, wenn man Sprache studieren wollte. Warst du „für“ die Chomsky’sche Linguistik oder „gegen“ sie?

In meinem eigenen Feld, der Philosophie, riss Chomskys Aufstieg eine ihrer beliebtesten „Disziplinen“, die Philosophie der Sprache, auseinander. Er beendete schlicht und einfach die Herrschaft des informellen Sets an Praktiken, die als „gewöhnliche Sprachphilosophie“ bekannt waren, und erlaubte es einigen wichtigen Ideen, als Grundelemente einer neuen Unterdisziplin der Linguistik, genannt Pragmatik, zu überleben: in J.L. Austins Analyse von Sprechakten und H.P. Grices Analyse von „dialogbezogenen Implikaturen“. Solche Sprachphilosophen mit einer Neigung zu Formalismen nahmen die neue Linguisitik insgesamt begeistert an, wobei einige ihre Berufsbezeichnung als Philosoph verwarfen, um Linguisten zu werden und andere bis zum heutigen Tag als nützliche Brücke zwischen den Fächern dienen. Als jemand, der oft versuchte, diese Brückenrolle zu spielen, muss ich zugeben, dass sie nicht angenehm ist, denn die Kommunikationskluft hat sich über die Jahre stetig verbreitert. Der Triumphialismus der Chomskianer, ihre hochmütige Einstellung gegenüber den umnachteten Pfuschern, die dachten, sie könnten irgendetwas Wertvolles über Sprache sagen, ohne zuerst den neuesten einschüchternden Dialekt des Chomskysischen zu beherrschen, wie auch die verwirrenden Grabenkämpfe zwischen den rivalisierenden Denkschulen entmutigte irgendwann die meisten Philosophen, sich weiterhin mit dem Thema zu beschäftigen. Was zuerst ausgesehen hatte wie großer, eindeutiger wissenschaftlicher Schritt nach vorn, zersplitterte bald in boshaftes Gerangel um technische Feinheiten, welches an ptolemäische Epizykeln erinnerte. Wir wandten lieber unsere Augen ab, hoffend, dass zu gegebener Zeit ein klarer Sieger hervortreten würde.

Die übrigen Nachbardisziplinen der kognitiven Wissenschaft (Psychologie und Psycholinguistik, Neurowissenschaft und Künstliche Intelligenz) sind durch ähnliche Phasen der Nichtkommunikation gegangen. Die generelle Einstellung unter Kognitivwissenschaftlern lautete: Da die Linguisten zu glauben schienen, sie könnten alles ohne den Nutzwert kontrollierter Experimente schaffen (sie konsultierten einfach ihre grammatikalische Intuition, die schon lange von ihren eigenen Theorien besudelt worden war), und da sie das Gehirn für irrelevant hielten, konnten sie sich auch einfach vom Acker machen und ihre Mandarin-Denkspielchen unter sich spielen, während der Rest von uns mit solider, laborbasierter Wissenschaft weitermachte. Die Beziehungen zwischen den Linguisten und den übrigen Kognitivwissenschaftlern, welche so gut angefangen hatten Endnote 2, waren in den letzten Jahren nicht eben herzlich.

Chomsky selbst sollte teilweise für schuldig gehalten werden an dem, was zwischen der Linguistik und ihren Nachbarn falsch lief. Er ist ein meisterhafter Polemiker mit einem offenkundig unstillbaren Durst nach Kampf, und seine sehr spezielle Rhetorik, die mit clever unsympathischen Karikaturen seiner Gegner beginnt und sich zu Höhen beißenden Spottes steigert, wurde verehrungsvoll von vielen seiner Jünger nachgeahmt –  ähnlich, wie Wittgensteins Manierismus von seinen Epigonen kopiert wurde. Doch ich denke, diese Tage und schlechten Manieren nähern sich ihrem Ende, Gott sei Dank.

Wir haben jetzt zwei Bücher, die hübsch den Schaden reparieren  und klar der Welt erzählen – nicht nur den Kognitivwissenschaftlern – was diese Leute in der Linguistik eigentlich über unsere liebe, werte Sprache entdeckt haben. Beide Bücher erklären, mit lebhaften Beispielen, wie die Sprachwissenschaften ihre überraschenden Entdeckungen gemacht und bestätigt haben, und beide Bücher öffnen trittsicher den großen Raum weiterer Implikationen über den menschlichen Geist, die Linguisten immer als die höchsten Früchte ihrer Untersuchungen proklamierten. Ray Jackendorff, Professor für Linguistik in Brandeis, einer von Chomskys Starschülern, doch immer ein mutiger und unabhängiger Denker, der sich nie von den zahlreichen Intrigen und Manien anstecken ließ, und Steven Pinker, Professor und Direktor für Kognitive Neurowissenschaft am MIT, einer von Chomskys Starkollegen, doch ebenfalls jemand, der sich standhaft den örtlichen Stämmen ansteckender Hysterie widersetzte, haben jeder eine zugängliche, unterhaltsame, maßgebende Einführung in die moderne Sprachwissenschaft geschrieben.

Beide Bücher präsentieren genaue Übersichten über die derzeitigen Innovationen in der Linguistik und erklären, wie diese zu Stande kamen. Ihre betreffenden Übersichten der verschiedenen Themen zu vergleichen, ist befriedigend, denn sie stimmen auf ganzer Linie überein, nicht nur bezüglich der Fakten, sondern auch bezüglich der Beiträge dieser Fakten zu größeren Themen. Dies an sich ist ein enormer Beitrag für jeden, der auf diesem Feld arbeitet, wertvoll über die Weiterbildung des interessierten Zuschauers hinaus. Denn wie ich beiden Autoren nach der Lektüre ihrer Bücher bereits mitteilte: Ich denke nicht, dass eines der Bücher mir irgendeinen Fakt zur Linguistik mitgeteilt hat, den ich nicht schon wusste, doch bis ich die Bücher las, wusste ich nicht, dass ich sie wusste. Ich hätte meinem eigenen Urteil nicht trauen sollen. Dank dieser Bücher wird eine solide, verlässliche, detaillierte Version der Früche der Linguistik denen zugänglich, die sich nicht einer Karriere widmen können, welche daraus besteht, herauszufinden, welcher Autorität man zu den Aussichten und Schicksalen welcher Theorie glauben soll.

Beide Autoren beschreiben die theoretische Wichtigkeit der Untersuchung natürlicher Taubstummensprachen wie der Amerikanischen Zeichensprache, und sie ziehen auch dieselben Schlüsse aus wichtigen Studien zur Sprachpathologie aufgrund von Hirnverletzungen und Spracherwerb unter abnormalen Umständen. In diesem Zuge bezeugen sie detailliert, was immer hätte offensichtlich sein müssen, doch in der Hitze des Gefechts oft angefochten wurde: gute Sprachwissenschaft wird Untersuchungen in Linguistik, Psychologie und Neurowissenschaft vereinigen.

Was sind dann die Unterschiede zwischen den beiden Büchern? Pinkers ist fast zweimal so lang und beinhaltet faszinierende Exkursionen in etwas entlegenere Kuriositäten und Kontroversen über Sprache. Ich empfehle besonders seine witzige – aber nicht gemeine – Entlarvung von „Sprachexperten“, diesen selbsternannten Autoritäten der korrekten Sprache, die jahrhundertelang daran arbeiteten, dass wir uns aufspielen, wenn wir Worte benutzen. Dieser gutgemeinten Schelte den Boden zu entziehen, bedeutet nicht die unabhängige Abschweifung in die Sozialkritik, wie man denken könnte; Pinker fundiert seine Kritik sauber in den unwiderlegbaren Fakten über Sprache als biologisches Phänomen, wie sie in neuesten Untersuchungen hervorgetreten sind. Er führt mit einem appetitlich passenden Vergleich in das Thema ein:

Stellen Sie sich vor, Sie sehen eine Naturdokumentation. Das Video zeigt die üblichen fantastischen Aufnahmen von Tieren in ihren natürlichen Lebensräumen. Doch der Sprecher berichtet einige verstörende Fakten. Delphine führen ihre Schwimmschläge nicht richtig aus. Weissscheiteltauben verderben sich achtlos ihre Rufe. . . . Wer ist dieser Ansager überhaupt? (S. 370)

Ja, eine Grammatik ist ein normatives System, das recht scharf zwischen richtigen und unrichtigen Formulierungen unterscheidet, doch es ist auch ein natürliches Phänomen, das über Äonen hinweg von Mutter Natur entworfen wurde. Diese komisch-kurzsichtigen Versuche von altmodischen Grammatikern, Mutter Natur in der Qualitätskontrolle etwas unter die Arme zu greifen, verraten einen fundamentalen Irrtum über die Sprache, den Pinker – erfolgreich – auszuräumen sucht.

Beide Autoren stimmen in großem Umfang überein, wie wichtig die Implikationen der Linguistik als Modell, wie der menschliche Geist arbeitet, sind. Pinker betont die Vielzahl semi-unabhängiger kognitiver Vorrichtungen, die den Geist bilden (Cosmides und Toobys „Schweizer Armeemesser“-Modell des Geistes), während Jackendorff die übergreifende Einheit von einigen Gestaltungsmerkmalen dieser Vorrichtungen betont, doch dies zählt nur schwerlich als Meinungsverschiedenheit, abgesehen vielleicht von der leicht verschiedenen strategischen Moral, was als nächstes zu erforschen oder zu modellieren ist, über die man nachsinnen könnte. Worüber sie sich einig sind, ist viel wichtiger: den harten Beleg, dass das Gehirn systematisch Repräsentationen transformiert. (Nebenbei: Die meisten davon sind Repräsentationen, mit denen Sie und ich via Selbstbeobachtung nicht vertraut sind). Einige der vorsichtigeren Forscher in den Neurowissenschaften waren speziell skeptisch in Bezug auf „kognitive“ Modelle, die leichthin verschiedene Systeme internaler Repräsentationen postulieren, welche auf verschiedene Weisen transformiert und verarbeitet werden. Es ist sicherlich wahr, dass Kognitivisten mit ihrem Enthusiasmus für schlechtbegründete und fantastische Modelle oft über Bord gegangen sind – Modelle des Informationsverarbeitung, die angeblich hier oder dort (wen kümmert schon, wo) im Gehirn vor sich geht. Doch unter diesen Exzessen liegt ein solider Arbeitskörper, der über jeden begründeten Zweifel hinweg beweist, dass das Gehirn Prozesse beherbergt, die mit solchen Repräsentationsmodellen beschrieben und vorhergesagt werden können –  und nur von ihnen. Jackendorff ist besorger als Pinker darum, den Skeptikern der Repräsentation frontal zu begegnen, daher werden Leser mit konzeptuellen oder philosophischen Bedenken zur eigentlichen Idee des internalen Systems von Repräsentationen eher Befriedigung bei Jackendorff finden.

Linguistische Phänomene sind nicht die einzigen mentalen Phänomene, die dramatisch zusammenpassen, wenn wir sie in solch informativen Begriffen wiederverwenden, doch sie sind einige der einleuchtendsten, und bieten daher eine exzellente Basis für weiterführende Operationen. Jedes System von Repräsentationen besitzt ein Format oder eine Struktur, die recht spezifische Anforderungen an das stellt, was mit ihm repräsentiert werden kann – seine Grammatik, im erweiterten Sinne. Jackendorffs Buch ist um ein Einzelthema herum aufgebaut, mit Variationen, entwickelt erst für Sprache, und dann für Musik (er ist selbst professioneller Musiker und der Urheber von wichtiger theoretischer Arbeit zur Musik). Er wendet dieselbe Analyse dann auf das Sehen an, und – Top-Quark der Psychologie – das Denken. In jedem Bereich entdecken wir dieselben Thesen, entweder bereits bestätigt oder auf dem besten Weg, bestätigt zu werden. Erstens begründet das Argument für Mentale Grammatik, dass für den fraglichen Bereich „unsere Fähigkeit, Sinn aus neuen Reizen zu gewinnen, von einem Set abstrakter Modelle unterstützt wird, die auf diesen Bereich spezialisiert sind.“ Zweitens begründet das Argument für Angeborenes Wissen, dass „wir die Modelle, die wir anwenden, teilweise deswegen lernen, weil unsere Gehirne genetisch mit grundlegenden Aspekten dieser Modelle von vornherein programmiert sind.“ Drittens begründet das Argument für die Konstruktion von Erfahrung, dass unsere Erfahrung und unser Verständnis von Reizen in jedem Bereich „aktiv von unserem Verstand konstruiert wird, indem er essentiellen Gebrauch von den abstrakten mentalen Modellen macht, die spezifisch für diesen Bereich sind.“ (S. 179)

Pinker würde diesen Behauptungen zustimmen, und hinzufügen, es sei kein glücklicher Zufall, dass unser Gehirn so strukturiert ist; die Evolution hat verschiedene semi-unabhängige Mechanismen in unseren Gehirnen entworfen, um diese Aufgaben auf solch hocheffektive Art zu erledigen. Indem er diesen weitergehenden Darwin’schen Schritt betont, versucht Pinker, einen der unglücklichsten Brüche in der Brücke zwischen den Disziplinen zu reparieren: Chomsky ist immer seltsam unwillig gewesen, evolutionäre Theorien in Betracht zu ziehen, die versuchen, zu erklären, warum die Strukturen, die seine Linguistik aufdeckte, so geformt waren, wie sie es waren. Und es war de rigueur unter Linguisten, jedwedes evolutionäres Denken in ihrer Disziplin zu ignorieren, bis zum Punkt der feindseligen Ablehnung. Linguistik sollte eher wie Physik sein als wie Biologie, sagten sie mit dem Meister, und Sprache ist ungleich allem anderen im Universum, als sei sie ein Gottesgeschenk.

Diese Tage sind ebenfalls vorüber. Es ist eine Freude, bezeugen zu können, dass das Versprechen der Linguistik doch erfüllt worden ist, nicht wirklich auf die Art, die ihre eigenen Helden erwarteten, aber – wie man erwarten würde – sogar besser als sie es sich vorgestellt hatten, dank der Kräftebündelung mit ihren Nachbarn. Jetzt können wir weitermachen, mit dem toleranten Auge des Historikers die Vorurteile sehen, die die Pioniere davon abhielten, alles zu sehen statt nur der Stärke der eigenen Arbeit, und nun können wir einer noch immer verunsicherten Welt von Außenseitern  eine Front präsentieren, die ruhiger vereint ist, nicht durch eine bestimmte wissenschaftliche Theorie, sondern durch Füllhorn von Ergebnissen.


Endnoten

1. Albert Lord, The Singer of Tales [Der Sänger von Geschichten], Harvard Univ. Press, 1960, S. 25.

2.Am 11. September 1956 fand am MIT ein Treffen des Instituts der Radioingenieure statt, bei dem drei eröffnende Beiträge der kognitiven Wissenschaften präsentiert wurden: Chomskys „Drei Modelle für die Beschreibung von Sprache“, die Beschreibung von Allen Newell und Herbert Simon von „Die Logik-Theorie-Maschine“, die zum ersten Mal zeigte, wie ein Computer non-triviale Theoreme der Logik beweisen könnte, und George Millers klassischer aufsatz in kognitiver Psychologie, „Die magische Nummer Sieben plus oder minus Zwei“.

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